Grimeton: All you hear is Radio Ga Ga

An der schwedischen Westküste war unsere nächste Station nach der Besichtigung von Nimis ein bedeutendes Technik-Denkmal: der einzige noch funktionsfähige Maschinensender der Welt in Grimeton. Der Längstwellensender war Anfang des 20. Jahrhunderts eine der ersten Möglichkeiten zur drahtlosen Kommunikation mit Amerika und ist seit 2004 Unesco-Weltkulturerbe.

Besucherzentrum des Senders in Grimeton.
Besucherzentrum des Senders in Grimeton.

Obwohl die Anlage also durchaus ein touristisch interessantes Ziel darstellt, fanden wir den Hinweis darauf nur online bei Wikitravel und in einem Reiseführer als winzige Randnotiz. Vor Ort war dann auch nicht gerade viel los, obwohl der Sender bereits auf der Autobahn ausgeschildert war. Wir konnten uns bei der englischsprachigen Besichtigung den Führer mit zwei weiteren Menschen teilen. Zunächst darf man in dem hübschen Neubau des Besucherzentrums eine kleine Ausstellung zur Kommunikationsgeschichte ansehen (alte Handys und noch ältere Dinge aus grauer Vorzeit) und einen Film über die Geschichte der Anlage gucken. Mit der Führung kann man dann auch in das alte Stationsgebäude (auf dem oberen Foto) und hinterher auch direkt bis unter die Antennen laufen.

Wechselspannungsgenerator (ein Alexanderson-Alternator), der die Antennen des Längstwellensenders Grimeton speist.
Wechselspannungsgenerator (ein Alexanderson-Alternator), der die Antennen des Längstwellensenders Grimeton speist.

Die Anlage wurde nach dem ersten Weltkrieg geplant, um von Schweden aus einen direkten, drahtlosen Kommunikationsweg nach Amerika zu haben. Sie war Teil eines Netzes aus einer Zentralstation in den USA und weiteren Sendern, die mit dieser in Verbindung standen. Der Standort wurde daher so gewählt, dass die Zentrale gut mit möglichst viel freiem Weg über Wasser erreicht werden kann und liegt deshalb recht küstennah. Letztendlich (so wurde uns dort erzählt) wurde die ländliche Gegend in der Nähe des kleinen Dorfes Grimeton gewählt, weil der Name des Ortes auch für Amerikaner einfach aussprechbar war. Skepsis in der Landbevölkerung (wegen der Strahlen) gab es damals auch schon, andererseits entstanden durch den Bau aber auch einige Arbeitsplätze in der Region. Letztendlich wurde die Anlage am 1. Dezember 1924 in Betrieb genommen und im darauf folgenden Jahr offiziell vom schwedischen König eingeweiht.

Schaltschränke zur Steuerung des Längstwellensenders in Grimeton
Schaltschränke zur Steuerung des Längstwellensenders in Grimeton

Das Prinzip des Maschinensenders ist recht einfach: ein Generator 1 erzeugt über eine sich drehende Scheibe mit Schlitzen eine periodische Änderung der Magnetfeld-Stärke zwischen zwei Spulen. Die Frequenz des entstehenden Wechselstromes und damit der abgestrahlten elektromagnetischen Welle ergibt sich direkt aus der Drehfrequenz der Scheibe und den Schlitz-Abständen. Der Sender in Grimeton erzeugt so eine Frequenz von 17,2 kHz. Da dies einer Wellenlänge von 17,4 km entspricht, spricht man hier von einem Längstwellensender 2. Das eigentliche Signal wird im Morse-Code durch simples An- und Ausschalten des Stromes codiert. Das zu sendende Signal wurde damals bereits über Kabel von einer zentralen Telegramm-Stelle in Göteborg nach Grimeton geleitet und ohne weitere Eingriffe an die Antenne übertragen.

Fünf der sechs Sendemasten des Senders in Grimeton
Sendemasten des Senders in Grimeton

Die Wechselspannung geht dann über Kupferleitungen aus dem Gebäude zu der Antenne. Diese steht unübersehbar in der Landschaft, da sie aus sechs jeweils 127 m hohen Masten besteht, deren obere Träger über Kabel mit dem Generator in der Station verbunden sind. Die tatsächlich abstrahlenden Teile sind dabei die senkrechten Drähte, die die oberen Zuleitungen mit dem Gegenpol unter der Erde verbinden. Die sechs hintereinander stehenden Antennen verstärken das Signal dabei, und ermöglichen so überhaupt eine Erzeugung derart langer elektromagnetischer Wellen. Die Empfangsantenne für Nachrichten aus Amerika war etliche Kilometer weiter nördlich aufgebaut und tatsächlich 13 km lang.

Die Antennenmasten des Längstwellensenders in Grimeton entlang der Achse fotografiert.
Die Antennenmasten des Längstwellensenders in Grimeton entlang der Achse fotografiert.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden zur Kommunikation zunehmend Kurzwellen eingesetzt. Auch der Sender in Grimeton wurde dazu durch eine Kurzwellenantenne (auf dem obersten Foto im Hintergrund) erweitert. Zur Kommunikation mit U-Booten wurden aber immer noch Längstwellen verwendet, weil diese etliche Meter tief in Salzwasser eindringen können. Mittlerweile befinden sich auf dem Gelände auch weitere Antennenmasten z.B. für Rundfunk und Fernsehen.

Bis 1995 wurde die Anlage noch vom Militär betriebsbereit gehalten. Seit dem wird sie von einem Verein instand gehalten und gepflegt, der auch etliche weitere deutschsprachige Informationen auf der Homepage hat. Nach wie vor wird der Sender mehrmals im Jahr in Betrieb genommen. Der nächste Termin ist am 24.12. Der Empfang ist weltweit möglich z.B. mit einer Spule an einer Soundkarte eines herkömmlichen Computers. In der Station werden alle Zuschriften von Empfängern gesammelt. Die letzten Jahrgänge sind in den drei Ordnern auf dem Schreibtisch in dem Bild  unten.

Das Hauptgebäude des Senders in Grimeton von innen.
Das Hauptgebäude des Senders in Grimeton von innen.

Notes:

  1. benannt nach dem Erfinder als Alexanderson-Alternatoren
  2. Die z.B. zum Radioempfang genutzten Ultrakurzwellen haben Frequenzen zwischen 30 und 300 MHz und damit Wellenlängen zwischen 1 und 10 Metern. Die in Grimeton genutzten Wellen sind also um einen Faktor 5000 länger!

4 Kommentare zu “Grimeton: All you hear is Radio Ga Ga

  1. Es war auch spannend.
    Ich finde so alte Technik faszinierend. Nur leider ist das Wissen, wie man damit Signale sendet und empfängt vergänglich. Früher oder später kennt sich damit niemand mehr aus und eines Tages wird man nicht mal mehr wissen, dass es so etwas mal gab.
    Um die Anlage finanzieren zu können müssen sie das Gelände an andere Firmen zur Übertragung von Radio und Fernsehen vermieten.

    Lustig ist aber auch, dass die Menschen bei neuer Technik immer ähnliche Ängste haben. Damals war die Befürchtung, dass bei den Kühen, die unter den Sendemasten weiden, die Schwänze senkrecht nach oben stehen würden.

    Die Anlage ist aber auf jeden Fall einen Besuch wert!

    1. Um das zu erhalten ist es ja Unesco-Weltkulturerbe geworden. Aber wenn ich den Führer dort richtig in Erinnerung habe, sind das jetzt ja vor allem noch ein paar ältere, pensionierte Techniker, die die Anlage noch instand halten und bedienen können…

      Mir ist das mit der alten und langsam verschwindenden Technik mal bewust geworden, als ich in der Wikipedia Sachen über Lochkarten und alte Großrechner gelesen habe. Was es damals alles für Geräte zum bearbeiten und sortieren von Lochkarten gab! Da muss es noch vor 40 Jahren eine riesige Infrastruktur in Unternehmen gegeben haben, die mittlerweile völlig spurlos verschwunden ist. Gibt es davon irgendwo noch museumsartige Überreste in dem Ausmaß wie in Grimeton?

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